Großstadtkinder

Das Leben in einer Großstadt unterscheidet sich schon ziemlich von der Kleinstadt-Idylle. Es ist beängstigend, unter welchen Lebensumständen hier scheinbar wirklich viele Leute leben müssen.

Vor ein paar Tagen habe ich in der U-Bahn-Station eine Frau gesehen, die angespannt irgendetwas aus einem Mülleimer fischte und es sich dann hektisch in den Mund steckte, als ob jeden Moment jemand auftauchen würde, der es ihr wieder wegnehmen könnte. Als sie fertig war, machte sie sich sofort auf zum nächsten Mülleimer.

Eine Station weiter sah ich, wie ein Nahverkehrs-Mitarbeiter gerade die Mülltüten aus den Eimern entfernte. Unweigerlich ging mir da der Gedanke durch den Kopf, ob dadurch jetzt irgendjemand sein Abendessen verlor.

Auf der anderen Seite kommt es mir auch so vor, als gäbe es hier viel mehr psychisch kranke Menschen. Es passiert mir ständig, dass mir Leute entgegen kommen, die angestrengte Diskussionen mit sich selber führen.

Da frage ich mich, ist das ein Phänomen der Großstadt an sich? Macht dieser ständige Widerspruch zwischen Menschenmassen und Anonymität die Menschen krank? Oder liegt es einfach nur daran, dass hier mehr Leute leben und mir schlicht aus diesem Grund mehr von diesen Menschen begegnen?

20.12.07 14:07

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Anonym (15.4.08 22:13)
Es gibt so wahsinnig viele Menschen in einer Großstadt und es liegt wohl auch ein bisschen daran, dass die Wahrscheinlichkeit, einen von den wirklich Bedauernswerten darunter zu treffen, viel höher ist als in einer kleinen Stadt, die nur ein paar Tausend Einwohner hat.
Allerdings bin ich davon überzeugt, dass man sich in einer Großstadt auch schneller angewöhnt, die Menschen, die man auf der Straße sieht, zu ignorieren. Man wird in eine riesige Menschenmenge gestoßen und... ist hoffnungslos damit überfordert, alle wahrzunehmen und jedem Einzelnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient. Und nicht jeder ist in der Lage, sich selbst hervorzuheben, um wenigstens für ein paar von diesen Millionen zu existieren.
Mich wundert es dann nicht, wenn man sich in seine eigene Welt flüchtet und auf der Straße angeregte Selbstgespräche führt. Es wundert mich auch nicht, dass Menschen mit finanziellen Problemen einfach untergehen, wenn sie nicht wissen, an wen sie sich mit welchem Formular wenden müssen, um vom sozialen Netz aufgefangen zu werden.

Wir wissen alle, dass es solche Phänomene gibt, dennoch sind wir schockiert, wenn wir sie live erleben - vorrausgesetzt, wir sind an das Leben in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Kleinstadt gewöhnt. Aber selbst in diesen gibt es Fernseher und es gibt Nachrichten und Dokumentationen, die vom Elend der Welt berichten.
Eine Mischung aus Mitleid und Gleichgültigkeit macht mich immer irgendwie hilflos und ich würde am liebsten einfach nur vergessen, was in jeder Großstadt tagtäglich passiert...
Und ich frage mich ab und zu: Mache ich es mir zu leicht, oder ist es menschlich, zu verdrängen?

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